Das heutige Christentum – Ehelosigkeit
Die katholische Kirche führt die vollkommene Keuschheit in Form der Ehelosigkeit als Vollkommenheitsideal an. Diese Vollkommenheit kann jeder üben, aber sie hat nichts mit Ehelosigkeit zu tun, denn wahre Keuschheit besteht lediglich im rechten Maßhalten in den Dingen, die mit dem Naturgesetz des Geschlechtslebens zu tun haben. Die Ehe selbst ist nicht unkeusch – Verheiratete können sehr keusch und Unverheiratete sehr unkeusch sein.
"Der Geschlechtstrieb ist als Naturgesetz vom Schöpfer in alles Geschaffene hineingelegt. Und was Gott geschaffen hat, ist gut und soll von Menschen nicht gewaltsam unterdrückt, sondern in den von Gott gesetzten Grenzen gebraucht werden."1) Jeder Mensch hat von Gott den Auftrag, eine Familie zu gründen. Das Gesetz der Fortpflanzung gilt also für jeden Menschen. Mit jedem Kind, das geboren wird, wird einem weiteren Geist die Inkarnation und damit der Aufstieg von den tieferen Naturstufen in höhere ermöglicht.
Die Familiengründung ist daher Pflicht gegenüber unseren ebenfalls gefallenen Geschwistern und ein Auftrag Gottes, dem sich niemand ungestraft entziehen darf. "Es ist eine Fügung der Weisheit Gottes, daß diejenigen der gefallenen Geister, die sich bis zu einer bestimmten irdischen Stufe emporgearbeitet haben, auf dem Weg der Fortpflanzung ihren Geschwistern aus den tieferen Naturstufen zu höheren hinauf helfen." (Greber, a.a.O., S.410)
Deshalb wurde der Geschlechtstrieb auch so stark gestaltet: die Fortpflanzung ist ein Teil des Erlösungsplanes Gottes. Die Geschöpfe sollen sich nicht so leicht der Mitwirkung bei der Ausführung dieses Planes entziehen können. Die Familiengründung ist eine Pflicht, von deren Erfüllung nur die schwerwiegendsten Gründe den Menschen befreien können. Das Gelübde der Ehelosigkeit ist also ein schwerer Verstoß gegen den Willen Gottes und auch die Priester– und Ordensleute haben keinen hinreichenden Grund vor Gott, ehelos zu bleiben.
Von der Kirche wird als Begründung für das Gebot der Ehelosigkeit für Priester und Ordensleute das siebte Kapitel des ersten Korintherbriefes vorgeschoben. Hierin vertritt Paulus die Ehelosigkeit. Wenn man den Brief genau liest, stellt man fest, daß Paulus hier etwas tut, was sonst in keinem Brief vorkommt: er betont immer wieder, daß es nur seine Meinung und Auffassung sei, aber keine Belehrung von Gott. Er hatte auch keinen Auftrag, so etwas zu verkünden. Das wußte er auch und hat deshalb eben erwähnt, daß es nur seine Meinung sei.
Die eigene, persönliche Auffassung von Paulus war falsch. Seine Ansicht resultierte daraus, daß er selbst ehelos war und für seine Tätigkeit viele und lange Reisen unternehmen mußte. Dabei wäre ihm das Führen einer Ehe schwierig gewesen und er hätte vermutlich seine missionarische Tätigkeit nicht so führen können, wie er gewollt hätte, denn er hätte Frau und Kinder nicht mitnehmen, aber auch nicht über Monate alleine lassen können. Seine Ehelosigkeit machte ihn in diesem Punkt einseitig und zum Fanatiker.
"Über seine falsche Ansicht inbetreff der Ehelosigkeit wurde Paulus nachher von Christus belehrt. Er mußte sie in einem an alle Gemeinden gerichteten Brief richtigstellen. Von diesem Brief, in dem auch eine Reihe anderer Stellen seiner früheren Schreiben, die zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hatten, aufgeklärt wurde, habe ich dir bereits am ersten Abend Mitteilung gemacht. Ich sagte dir, daß dieser Brief später vernichtet wurde, weil die darin enthaltenen Klarstellungen und Berichtigungen der späteren Kirche und ihrer Lehre nicht paßten." (Greber, a.a.O., S.411)
Wie sehr Paulus infolge der Belehrung durch Christus seine Meinung in bezug auf die Ehelosigkeit änderte, ist aus seinen späteren Schreiben an Timotheus und Titus ersichtlich. Ursprünglich ein Verfechter der Ehelosigkeit, duldete er nun nicht, daß ein Eheloser oder eine Ehelose irgendein Amt in der Gemeinde bekleidete (vgl. 1. Timotheus 3,2+4–5+12; Titus 1,5–6). Sogar die Witwen sollen wieder heiraten, obwohl er zuvor in seinem Brief an die Korinther das Gegenteil geschrieben hatte (vgl. 1. Timotheus 5,14 versus 1. Korinther 7,8).
Warum wollte die Kirche keine verheirateten Priester? Es war Priestern doch ein Jahrtausend hindurch die Heirat gestattet. Warum widersetzte sie sich dem Gebot des Paulus in dieser Frage? Warum vernichtete sie seinen Brief mit der Richtigstellung seiner Meinung in bezug auf die Ehelosigkeit?
Eine göttliche Quelle für diese Entscheidung und Handlung gibt es nicht. Erneut diente diese Maßnahme der Verstärkung der Macht des Papsttums. Den Geistlichen wurde die Ehelosigkeit aus zwei Gründen aufgezwungen. Erstens ist ein von allen Familienbeziehungen losgelöster Geistlicher ein viel willfährigeres Werkzeug der katholischen Kirche als ein Pfarrer, der durch Frau und Kinder eine seelische und materielle Unterstützung hat. Zweitens bestand so auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, daß der Geistliche nach seinem Tod sein gesamtes Vermögen der Kirche vermachte.
Heutzutage gibt es immer weniger Priester. Dies liegt an der schwindenden Glaubwürdigkeit der Kirchen. Viele können die irrigen Auffassungen der Kirchenleute nicht mehr glauben. Das Kind wird dann mit dem Bad ausgeschüttet und die Menschen glauben gar nicht mehr. Die Kirche steht in der Pflicht, den Menschen wieder die Wahrheit zu geben und nicht weiter an den Lügen festzuhalten.
1) Johannes Greber – Der Verkehr mit der Geisterwelt Gottes, seine Gesetze und sein Zweck. Selbsterlebnisse eines katholischen Geistlichen, 8. Auflage 1985, Johannes Greber Memorial Foundation, New York, S.409f.